| People | Kolumne ► Tanja Schlosser
- Uwe Laurisch

- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
just ride 01 | 2026 | People

„Hallo, ich bin Tanja Schlosser und ich möchte Weltmeisterin werden“

Das habe ich vor ca. 16 Jahren gesagt, als ich meine Rennen noch auf einer KTM SX 50 gefahren bin. Daran habe ich bis zu meinem Enduro-Europameister Titel in der Damenklasse 2023 auch geglaubt.
Man könnte meinen, ich war schon nah dran. Im gleichen Jahr Enduro Europameisterin, Platz 5 bei den FIM Six Days of Enduro und Platz 4 im DMSB Enduro Pokal gegen die Männer (mit einem Ausfall). Als Anerkennung meiner Leistungen erhielt ich vom ADAC Sachsen die Auszeichnung „Zweiradsportler des Jahres“, was eine große Ehre war.
Das, was wir hinter den Kulissen geleistet haben, schafft nicht jeder. Sonntagnacht 400 bis 1.000 km Rückfahrt vom Rennen, die Bikes wieder herrichten und spätestens Donnerstag weiter zum nächsten Lauf. Nach der ohnehin schon anstrengenden Saison „mal schnell“ - mit mehreren Tagen Verspätung - nach Argentinien um dort 6 Tage bei 40 °C Motorrad zu fahren.
Nebenbei noch studieren.
Das war extrem stressig, aber ich habe es geliebt, weil ich wusste, ich sehe am Wochenende wieder mein Team, meine Freunde, wir haben eine tolle Zeit und es wird sich auszahlen. Das Drumherum war großartig und mit jedem Erfolg vergisst man die Verzweiflung kurz zuvor, den Schweiß und die Tränen für einen Moment, bis es wieder von vorne beginnt.

Und dann hatten wir es geschafft. Europameisterin.
Viele denken sich mit einem EM-Titel findet man doch problemlos Sponsoren. Damit stehen einem doch alle Türen offen?
Eine Tür, die ich glaubte öffnen zu können, war die Tür in das Motorsport Team Germany. Der Bundeskader des deutschen Motorsports. Hier sollte man rein, wenn man an der Weltspitze mitmischen möchte.

Also bewarb ich mich - nachdem ich 2022 aufgrund zu schlechter Ergebnisse in der Leistungsdiagnostik abgelehnt wurde- 2023 mit 21 Jahren, einem EM-Titel und Ambitionen in der WM erneut.
Einige Wochen später kam die ernüchternde Antwort: „Vorrangig sollten Nachwuchstalente aufgenommen werden, die das Potenzial haben, eines Tages gegen dich anzutreten.“ (Zitat MTG)
Erst abgelehnt, weil ich zu schlecht war, ein Jahr später bin ich zu gut?
Naja, immerhin eine Tür öffnete sich. Ich durfte beim FIM E-Xplorer World Cup auf einer Stark Varg in Japan und später auch in Norwegen ein Rennen mit und gegen Top-Athleten fahren und beide Male auf dem Podium beenden.

Doch als ich den Deal mit meinem deutschen Team abgestimmt und das Angebot des französischen Teams angenommen habe, wusste ich noch nicht, was dagegensprechen sollte, das zu tun, was ich liebe und dafür zum ersten Mal in meinem Leben bezahlt zu werden.
Am Ende saß ich weinend am Flughafen, weil mir plötzlich die Unterstützung von meinem Motorradsponsor gestrichen wurde.
Einige werden es vielleicht verstehen, denn Fakt ist: Ich bin auf einer anderen Marke Rennen gefahren. Dennoch hätte ich beim E-Xplorer World Cup nicht auf dieser Marke antreten können, weil sie keine E-Motorräder herstellen.
Aus meiner Sicht konkurrieren Elektro- und Verbrenner-Motorräder nicht. Es ist eine andere Disziplin, ein ganz anderes Reglement erfordert. Aber das sieht nicht jeder so.
Die einzige Option wäre gewesen, die Tür zu schließen und das Angebot, eine Japanreise und ein Rennen finanziert zu bekommen, abzulehnen. Aber diese einmaligen Möglichkeiten, sich ins Unbekannte zu stürzen, genau so hat meine Enduro-Karriere mit der spontanen Teilnahme an der FIM ISDE in Chile angefangen. Daraus entstehen unvergessliche Erlebnisse und Geschichten und genau diese Möglichkeiten möchte ich nicht missen. Trotz der Unstimmigkeiten am Ende bin ich dankbar für die Unterstützung bis dahin, denn das war nicht selbstverständlich und ermöglichte mir eine erfolgreiche Saison 2023.
Diese Entscheidung hatte für mich zur Folge, dass ich 2024 mit nur einem Rennmotorrad begann.
Für viele kein Problem. Aber auf DM- und EM-Niveau mit einem Motorrad Rennen fahren, dieses dann unter der Woche allein wieder herrichten und eventuell noch trainieren. Das wurde mir irgendwann zu viel und ich musste mich entscheiden. Doch im selben Augenblick lag ich auch schon in Finnland in der zweiten Kurve des Tages am Boden. Mit einem gebrochenen Oberarmkopf versuchte ich noch die erste Etappe zu fahren, konnte den Lenker aber nicht mehr halten und beendete so nach nicht einmal einer Stunde das Rennen.
Ich finde, fast jede Verletzung ist ein Zeichen des Körpers. Danach hatte ich Zeit, mich auszuruhen. Als die Schulter endlich geheilt war, wollte ich beim letzten EM-Lauf in Deutschland zumindest meinen zweiten Platz verteidigen. Ich hätte einfach nur sicher durchfahren müssen. Doch auch das sollte nicht passieren.

Foto: Michael Geißler
Der bekannte Baumstamm nach einer Auffahrt: ein Zuschauer-Magnet und in der ersten Runde kein Problem. Doch 200 Fahrer später war der Absprung ausgefahren. Beim Enduro muss man die teilweise stark veränderten Verhältnisse innerhalb weniger Millisekunden einschätzen und sich entscheiden: durchziehen oder bremsen. Ich habe mich falsch entschieden. Wie Superman machte ich einen Abflug mit der Hand voraus und wusste, das war’s.
Nach acht Stunden mentaler Zerreißprobe im Wartezimmer wurde mein Finger gerade gezogen, bevor die Schmerzmittel wirkten. Da sich der Knochen wieder verschob, ging es drei Wochen später unters Messer.
Bis zur frühzeitigen Entfernung des Nagels im Januar konnte ich den Finger nicht richtig bewegen.

Das war meine Saison 2024.
Der ganze Stress, die Schmerzen und die schlaflosen Nächte in der Garage haben sich weder in Fahrspaß noch in Erfolg ausgezahlt. Wenn man es runterbricht, war der E-Xplorer World Cup das Beste, was mir passieren konnte, denn da hatte ich wieder richtig Spaß am Fahren. Spaß neben der Strecke hatte ich auch beim Enduro dank einem großartigen Team und tollen Freunden genug. Doch irgendwann reicht das nicht mehr, um seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
Was ich die ganze Zeit vermisste, war: Motocross. Massenstart, Perfektion in der Fahrtechnik, überschaubare Streckenveränderungen, Sprünge und Bar-to-Bar-Racing. Und das konnte ich 2025 endlich wieder genießen.
Auch wenn der Speed anfangs fehlte, dank den regelmäßigen Trainings vom ADAC Sachsen mit Oli Szeponeck und Richi Leißner ging es schnell bergauf. Oft knapp am Podium vorbei. Trotzdem hatte ich jedes Rennen Spaß. Dieses Jahr habe ich gemerkt, was mir wirklich wichtig ist. Und zur Belohnung holten wir uns den Tagessieg bei der DM in Teutschenthal sowie einen starken 4. Platz in der DM-Gesamtwertung. Und das war erst der Anfang.

Foto: Kai Brake
Am Ende wäre all das ohne meine Sponsoren und Unterstützer nicht möglich.
Dafür bin ich jedem Einzelnen dankbar.
Aber für irgendjemanden meinen Spaß am Hobby, welches ich bzw. meine Eltern zum größten Teil selbst finanzieren, zu verlieren, das mache ich nicht mehr.
Das heißt nicht, dass ich dem Endurosport komplett den Rücken kehre. Vielleicht sieht man mich auf der ein oder anderen Veranstaltung.
Aber nur, wenn ich Lust darauf habe😉
Bis dahin konzentriere ich mich aber erstmal auf Motocross. Da laufen
auch schon die Vorbereitungen für die Saison. Wie es 2026 weiter geht, seht ihr in
der nächsten Ausgabe.












Sehr cooler Bericht 👍